Tango im dritten Jahrtausend - Essay von Juan María Solare
Tango im dritten Jahrtausend
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Juan María Solare composer & pianist
Juan Maria Solare - composer and pianist. Foto: Lea Dietrich
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Tango im dritten Jahrtausend (2009)

Dieser Text entstand im Januar 2009 für das Programmheft der Konzerte des Ensemble Tangente im Theater Orpheum in Graz (Österreich) vom 26. und 28. April 2009.

Kein unerlaubter Abdruck ohne Genehmigung des Autors!
von

Juan María Solare

Ob der Tango "ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann" (Enrique Santos Discépolo) oder "die vertikale Befriedigung eines horizontalen Wunsches" (Horacio Ferrer) sei... Definitionen wie diese sind genauso listig wie abgedroschen. Sie dürfen uns einmal lächeln lassen, aber nachdem wir sie hundert mal gehört haben, bedeuten sie nichts mehr. Das gleiche geschieht mit dem Bild der compadritos (Ganoven) von vor einem Jahrhundert: es entspricht eher einer literarischen, fiktiven Wirklichkeit, als einer alltäglichen. Die Erinnerungen des alten Buenos Aires ("als die Corrientes Strasse noch eng war" sagt die Redewendung) sind eine sepia Photographie, und nicht etwas, das ich jemals gesehen habe. Meine tagtäglichen Erlebnisse sowie die Alltagssorgen des normalen Menschen sind ganz woanders und demzufolge auch unsere ästhetischen Bedürfnisse. Ehemals erzählten die Tangos Geschichten von dem, was um uns herum geschah. Und jetzt? Eigentlich jetzt genauso. Man muss aber ein wenig herumschnüffeln.

Als einfach erweist sich, dies bei den Texten zu verstehen. Ein Tango des dritten Millenniums kann total neue Themen ansprechen. Er kann über den "corralito" reden (die argentinische Finanzkrise des Jahres 2001, die zum Bankrott des Staats führte), oder über die Kinder der Verschwundene während der Militärregierung (die entdecken, dass ihre vermeintlichen Eltern ihren biologischen Eltern gefoltert haben), oder über die "cacerolazos" (eine lautstarke Form des friedlichen Protests der Mittelklasse). Oder er kann Themen ansprechen, die zwar vorher existierten aber rigoros tabuisiert wurden, wie die latenten Spannungen zwischen der Hauptstadt und dem übrigen Land, oder der Rassismus unter Mitbürgern von unterschiedlichen Volksschichten. Und er kann ebenfalls traditionelle Themen verjüngen: die Frau und vornehmlich die Mutter, oder der Alkohol als Fluchtverhalten (heutzutage greift man auch auf effektivere Substanzen). "Verjüngen" impliziert "sich erneut fragen": Kann sich ein Tango von 1990 auf die Frau beziehen in identischer Weise wie einer von 1910? Nein, selbstverständlich kann er es nicht. Das Wahlrecht der Frau wurde in Argentinien im Jahre 1947 implementiert. Er kann es zwar nicht, aber nicht aufgrund eines Gesetzes, sondern, weil sich eine gewisse Denkweise im Volksgeist geändert hat. Dieselben gesellschaftlichen Prozesse, die zum Wahlrecht der Frau geführt haben, spiegeln sich im Tango wider. Dies ist nur ein Beispiel.

Aus rein musikalischem Gesichtspunkt gesehen, was prägt den Tango des dritten Jahrtausends? Ein Vergleich kann dies verdeutlichen. In der Entstehungsära des Tangos ignorierten Arolas oder Villoldo nicht (weil sie es nicht ignorieren können), dass Mozart und Schubert existiert haben. Gardel und Troilo wussten sehr genau, wie Verdi und Chopin klangen. Bei Mariano Mores erkennt man das Gespenst von Gershwin. Piazzolla wuchs auf mit Partituren von Strawinsky und Bartók auf seinem Nachttisch. Und der Tango des dritten Jahrtausends kann demzufolge nicht vergessen, dass Stockhausen, John Cage oder die Minimalisten ihre Spuren hinterlassen haben.

Ein anschauliches Phänomen ist, dass ein bestimmter Instrumentalist heute ein Tangokonzert und morgen ein elektroakustisches Werk der radikalsten Avantgarde spielen kann - ohne seine ästhetischen Prinzipien zu verraten. Dies, was vor einem halben Jahrhundert undenkbar war, ist heute absolut natürlich. Ich behaupte nicht, dass dies ein allgemeines Phänomen sei, aber doch ein sehr übliches. In der Tat ist das, was im Ensemble Tangente versucht wird, diese musikalische Zweisprachigkeit zu illustrieren. Es gibt kaum Risse zwischen beiden Welten, aber wenn es sie gibt, wirken sie organisch.

Es geht überhaupt nicht darum, einen vermeintlich alten und dösigen Tangostil zu ersetzen; es geht eher darum, ihn zu ergänzen und expandieren, von der Erfahrung von vielen Generationen profitierend. Wenn ich mir vornehme, ein Werk von Aníbal Troilo, von Ángel Villoldo oder von Osvaldo Pugliese zu spielen, kann ich zwar staunen, wie sie ihre ästhetischen Problemen gelöst haben. Aber jene Probleme sind nicht mehr meine. Es ist, als wenn ich in Verwunderung gerate, wie mein Großvater seinen persönlichen Problemen in seiner Epoche gegenübergetreten ist. Seine gleichen Werkzeuge kann ich nicht mehr verwenden, da sie nicht mehr effektiv sind. Ich kann zwar in seiner Wucht Inspiration finden, aber ihn nicht imitieren. Und warum sollte es mit den ästhetischen Problemen anders sein? Das zentrale ästhetische Problem (das sich in jeder Generation wiederholt) ist, den Menschen zu erreichen, zu ihm in einer aktuellen, lebendigen Sprache zu reden, in einer Sprache, die er versteht und nicht in einer paläolinguistischen Rekonstruktion. In einer Sprache, durch die sich dieser Mensch angesprochen und zum Dialog eingeladen fühlt.

Der Tango ist eine lebendige Musikgattung, in Entwicklung. Die gute Nachricht ist, dass es nicht nötig ist, diese Entwicklung zu erzwingen oder den Modernen zu spielen: der Tango wächst von allein. Es genügt, ihm keine Steine in den Weg zu werfen.
* JMS *
Tango im dritten Jahrtausend | Juan Maria Solare
Tango im dritten Millenium | Juan Maria Solare
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